Mauer-Power: Die Rückseite der Mauer war bunt!

Berliner Mauer, Foto: Peter Joehnk

Mauer-Power: Die Rückseite der Mauer war bunt!

Graffitis, Sprüche, Szenen Fotoausstellung von PIET JOEHNK

Mit dem Fall der Berliner Mauer verschwanden nach und nach auch die farbenfrohen Graffiti, die einst die Westseite des etwa 160 Kilometer langen Bauwerks schmückten. Eher zufällig entstanden im April 1986 Fotos von einigen dieser Kunstwerke, aufgenommen vom Wissenschaftler und Fotografen Professor Piet Joehnk während einer Geschäftsreise nach Westberlin. Seine Bilder sind ab sofort und bis Ende des Jahres unter dem Titel MAUER-POWER: DIE RÜCKSEITE DER MAUER WAR BUNT! in der Cafeteria der Gedenkstätte Bautzener Straße zu sehen.

 

„Als ich im April 1986 beruflich von Bonn nach Berlin sollte, musste ich einen der Billigflieger nehmen – die waren aber am Montag früh bereits ausgebucht. Also blieb nur ein Hinflug am Sonntag. Dieser bescherte mir viel freie Zeit in Berlin, wo es kalt und der Himmel grau verhangen war. Die Kamera war bei einem passionierten Fotografen trotzdem dabei. Und so ließ ich mich, von meinem „Instrument“ begleitet, treiben, bis ich an einem Stück der Mauer auf Westberliner Seite ankam. In einiger Entfernung sah ich dann Sprühereien (damals noch nicht so stark verbreitet wie heute), die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Die ersten kessen Sprüche nahm ich dann mit meiner Spiegelreflexkamera mit Farbdiafilm auf und wanderte dann viele Kilometer entlang der Mauer auf der Suche nach weiteren Motiven. So kam ich dann auch zu einem Bild des französischen Malers Christophe-Emmanuel BOUCHET, der von 1980 an in Berlin lebte und sich mit der Teilungsproblematik der Stadt in seinen künstlerischen Arbeiten auseinandersetzte, oft auch gemeinsam mit seinem Freund Thierry NOIR. BOUCHET gilt heute als einer der bedeutendsten Mauerkünstler. Seine meist surrealistischen Werke zeichnen sich durch kräftige Farben und lebendige Formensprache aus.

Die friedliche Revolution in Ostdeutschland im Jahre 1989 sorgte dann schließlich dafür, dass die Kunstwerke BOUCHETs mit dem Abriss der Mauer aus dem Blickfeld der Berliner verschwanden – genauso, wie die anderen Graffitis und Abbildungen, die ich mit meiner Kamera eingefangen habe. Insofern stellen diese Werke ein einmaliges Zeitdokument dar, das in seiner Eindringlichkeit, Naivität oder Schönheit unvergleichbar ist mit der heutigen EAST-SIDE-GALLERY – jenem 1,3 km langen Mauerstück zwischen Oberbaumbrücke und dem Ostbahnhof (zu DDR-Zeiten Hauptbahnhof), die im Frühjahr 1990 von mehr als 100 Künstlern aus 24 Ländern bemalt wurde. Eines der bekanntesten Bildnisse ist wohl der Bruderkuss von Gorbatschow und Honecker oder der die Mauer durch-brechende Trabbi.

Die Situation auf der Westseite im Jahre 1986 ist in meinen Bildern festgehalten und somit auch für die Nachwelt erhalten worden.“

Dresden, im Juni 2021

Piet Joehnk selbst zur Entstehungsgeschichte